Stermann von Beruf

10 / 10 / 2019
Man kennt ihn als eine Hälfte des Satirikerduos „Stermann & Grissemann“. Und er ist Lieblingsdeutscher vieler Österreicher. Trotzdem gibt es auch bei Dirk Stermann mal nichts zu lachen. Zum Beispiel, wenn er wieder alleine auf Tour gehen muss.
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Seit mehr als 30 Jahren lebt Dirk Stermann schon in Wien. Und fast genauso lange tritt er gemeinsam mit Christoph Grissemann auf. Zuerst im Radio („Salon Helga“), dann im
Fernsehen („Willkommen Österreich“), auch mal in Filmen („Immer nie am Meer“) und natürlich immer wieder live auf der Bühne. Seine große Leidenschaft ist aber das Schreiben. Autor ist er deshalb auch noch. Kein Wunder, dass da sogar seine Tochter, als sie noch zur Schule ging, den Überblick verloren hat. Ins Feld „Beruf des Vaters“ hat sie einfach immer „Stermann“ geschrieben. Das passt eigentlich ganz gut, findet der Papa. Und Stermann ist ja auch immer ganz er selbst. Egal, was er gerade macht. Oder wo er gerade ist. Im Graz des 18. Jahrhunderts oder im heutigen Wien.

MARTIN AUER - Mir ist aufgefallen, dass du in deinen Büchern immer wieder Bezug auf Graz nimmst. Der Held deines aktuellen Romans „Der Hammer“ ist sogar gebürtiger Grazer. Es geht um den Diplomaten und Orientalisten Freiherr Joseph von Hammer-Purgstall. Kann es sein, dass du ein Fan der Stadt bist?

DIRK STERMANN - Zu Graz habe ich eine enge Beziehung, weil wir (Stermann & Grissemann, Anm.) hier seit gefühlt tausend Jahren auftreten. Bist du Kleinkünstler, grast du das ganze Land ab. Du spielst überall. Ich kenn das Land wahrscheinlich viel besser als die meisten Österreicher. Und wir waren natürlich auch in der Steiermark schon überall. Überwiegend und am liebsten in Graz.

MARTIN AUER - Wann haben du und Grissemann eigentlich mit dem Touren begonnen?

DIRK STERMANN - Vor ein bissl über 20 Jahren. Als wir dann eine Agentur bekommen haben, meinten die: Wenn ihr auf Tournee seid und nach Hause zurückkommt, ist das so, als würdet ihr aus der Kriegsgefangenschaft heimkehren. Ihr kennt die Leute zwar noch, aber irgendwie gehört ihr nicht mehr richtig dazu. Und das stimmte wirklich. Das ist das Los der Kleinkunst. Aber bei euch Bäckern ist das ja nicht anders. Wenn ihr die ganze Nacht backt und erst irgendwann nach Hause kommt …

MARTIN AUER - Stimmt, das ist auch in unserem Beruf eine echte Herausforderung. Wobei bei dir noch was dazukommt: Du bist nicht nur auf Kleinkunstbühnen unterwegs, du machst ja viel mehr und schreibst unter anderem Bücher. Wie findest du Zeit dafür?

DIRK STERMANN - Dazwischen. Ich versuche zu schreiben, egal wo ich bin. Auch in Graz, wo ich viele Leute kenne, bleibe ich inzwischen lieber im Zimmer und schreibe. Ich könnte zum 80.000. Mal an die Mur gehen, aber da ich nicht jogge und nicht klettere …

MARTIN AUER - Das hört sich an, als wärst du diszipliniert.

DIRK STERMANN - Ja, sehr. Das kommt noch aus meiner Zeit beim Radio. Du weißt, du hast fünf Stunden Zeit, dann kommt das Rotlicht und die Sendung beginnt. Das ist ’ne gute Schule, um schnell zu arbeiten. Nicht darauf zu warten, bis dir was einfällt. Sondern sich hinzusetzen und zu machen.

MARTIN AUER - Bei mir ist es so, dass ich ein absoluter Deadlinejunkie bin. Aufgaben, die nicht von mir ausgehen, schiebe ich ewig raus. Bei Dingen, die ich gern hab, kann ich dafür gar nicht aufhören. Da sitze ich dann oft bis spät in die Nacht im Büro und vergesse alles um mich herum.

DIRK STERMANN - Ja, das kenne ich. Plötzlich sind fünf Stunden vergangen. Was machst du, wenn du so lange arbeitest?

MARTIN AUER - Ich habe ja das Glück, dass wir ein Team umsetzungsstarker Leute sind. Mir wird zugeschrieben, ich sei der Kreative. Ich tüftle z. B. am Shopdesign. Und – das klingt so banal – es ist für mich entscheidend zu fragen: Wofür bezahlt uns der Kunde wirklich?

DIRK STERMANN - Wofür bezahlt er?

MARTIN AUER - Im Endeffekt ist es ein Begeisterungsnutzen, den wir stiften. Es gibt noch immer Bäcker, die glauben, sie wären da, um satt zu machen und Kalorien zu liefern. Früher war das auch so. Aber dazu brauchst du den Bäcker heute nicht mehr. Ich scherze immer: Die Tankstelle ist der bessere Bäcker, weil dort kannst du auch tanken. Wir wollen unsere Kunden aber eben begeistern. Ähnlich wie ihr. Ihr bekommt ja auch unmittelbar Feedback. Denkt ihr bei eurer Arbeit eigentlich an die Kunden, also ans Publikum?

DIRK STERMANN - Früher haben wir das nie gemacht, da haben wir sehr autistisch gearbeitet. Wir haben auf Ö3 angefangen und unsere Kollegen meinten immer: „Das ist alles falsch, was ihr macht. Ihr spielt viel zu wenig Musik und redet 20 Minuten, bis die erste Platte kommt, das geht alles nicht.“ Danach haben wir beim nächsten Mal 30 Minuten geredet, bis die erste Platte kam. Einfach, um die Ö3- Kollegen zu ärgern. Aber auf der Bühne merkst du natürlich, was die Leute mögen und was nicht. Und dann ist es psychisch weniger anstrengend, wenn du das machst, was sie wollen. Und dazwischen auch ein bisschen das, was du selber willst. In Wahrheit ist man ja auch so eine Art Dienstleister.

MARTIN AUER - Was erwartet sich das Publikum, wenn es zu einem eurer Auftritte kommt?

DIRK STERMANN - Dass es lustig ist, ein bisschen provokant, ein bisschen frecher. Das war früher anders, weil die Leute uns noch nicht kannten. Heute wissen die meisten ungefähr, was wir machen. Wir hatten mal ein Programm, das hieß „Die deutsche Kochschau“. Damit sind wir in Braunschweig aufgetreten, wo niemand wusste, wer wir sind. Die Leute haben also alle Geschirr und Besteck mitgebracht, weil sie dachten, das ist eine Kochschau, wo man probieren darf. Die waren sehr enttäuscht. (lacht)

MARTIN AUER - Reizt es euch noch, Witze zu machen, die an der Grenze zu dem sind, was humoristisch verstanden wird?

DIRK STERMANN - Das haben wir eh schon so viel gemacht. Wir finden inzwischen auch unterschiedliche Sachen gut. Christoph mag es zum Beispiel, zu parodieren und sich zu verkleiden. Mich hat immer mehr das Schreiben interessiert. Er will eine Idee auf der Bühne auch nahe an die Perfektion bringen, mir ist das total wurscht. Ich mag das lieber so hingerotzt, weil ich den Leuten das Gefühl geben will, ich bin jetzt auch nur hier. Wie sie.

MARTIN AUER - Das Schreiben begleitet dich schon lange.

DIRK STERMANN - Ich hab früher immer gedacht, dass ein Leben zu wenig und zu schnell vorbei ist. Und durchs Schreiben habe ich ein zweites Leben. Ich bin dann zwar in Wien, aber wenn ich schreibe, auch woanders. Dann bin ich halt plötzlich – wie beim jetzigen Buch – im 18. Jhdt. in Graz und denk mir so: Wow, ist ja voll interessant. Du erfindest Welten und Figuren und es ist so, als würdest du verreisen. Das ist voll super. Ich muss ja nicht mal Koffer packen.

MARTIN AUER - Ich schaue oder lese auch gern Dokumentationen, die einen in eine andere Zeit zurückversetzen. Vieles kann man sich heute einfach nicht mehr vorstellen, das finde ich unglaublich spannend. Inwiefern spielt dein Interesse für Geschichte dabei eigentliche eine Rolle? Du hast das ja sogar mal studiert.

DIRK STERMANN - Ich hab’s aber nicht fertig studiert. Also ich hab’s quasi fertig studiert, aber die Diplomarbeit nicht mehr gemacht, weil ich alles gelesen hatte, was ich lesen wollte und mir dachte, wozu? Aber ich fand Geschichte immer total super. Als ich nach Österreich kam, musste ich hier auf der Uni österreichische Sozialgeschichte nachholen. Da hab ich gedacht, ugh, das ist so Sisi-Schas. Aber dann war das überhaupt nicht so. Sondern es war zum Beispiel die Geschichte der Kartoffeln … also der Erdäpfel. Irre interessant. Und dann gehst du durch Wien und alles, was du gerade an der Uni gelesen hast, siehst du. Das ist in Graz ja auch so. Die Stadt ist voll von Geschichte und voller Geschichten.

MARTIN AUER - Hast du jemals überlegt, zurück nach Deutschland zu ziehen?

DIRK STERMANN - Nie. Es war am Anfang zwar nicht geplant, dass ich in Wien bleibe. Aber wenn du nicht ganz schnell aus Wien weggehst, wirst du absorbiert. Der Rest der Welt ist wurscht, wenn du in Wien bist. Die Wiener glauben ja, dass der Rest ok ist, aber nicht vergleichbar. Ich hab das bis heute nicht bereut.

MARTIN AUER - Du hast ja auch den Vorteil, dass du beruflich viel herumkommst. Wie ist das denn, wenn du auf Lesetour mal alleine unterwegs bist?

DIRK STERMANN - Total absurd. Und eigenartig. Ich kann mich an einen Auftritt in Frankfurt erinnern … Ich hatte ein Hotelzimmer, da fährst du nur hin, um dich umzubringen. Das war so hässlich. Und die Lesung war in einer viel zu großen Halle. Die Sessel, die dort vor der Bühne standen … das sah voll deprimierend aus. Dann saß ich allein im Backstageraum, da war nur ’ne kaputte Kaffeemaschine und dann hab ich dem Agenten, der das organisiert hatte, eine SMS geschickt: „Gott sei Dank erster Stock, Selbstmord unmöglich, würde überleben, aber fühl mich so.“ Auch nach der Lesung war niemand da. Ich hab mit niemandem gesprochen, nur gelesen und bin dann wieder ins Selbstmordhotel zurück.

MARTIN AUER - Umso schöner, wenn du wieder mal in Graz zu Gast bist. Dort musst du garantiert keine Angst haben, dass du alleine bist. Ich freu mich drauf – und bedanke mich fürs Gespräch!
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